Mathias und die Computer
Vom Hobby zum Beruf
An ein besonderes Erlebnis in meinem Leben erinnere ich mich gern zurück: Als ich 13 war, nahm mein Opa mich mit zur Ausstellung "750 Jahre Berlin - Wissenschaft und Produktion der DDR im Dienste des Volkes", die im Juni/Juli 1987 in der Berliner Werner-Seelenbinder-Halle stattfand. Ein irrer Titel, doch für mich die Chance, moderne Technologie in Action zu erleben. Denn dort waren vernetzte Computer, Videotelefonie und jede Menge Neuentwicklungen live zu erleben. Eine Technik-Oase - mitten in der DDR. Angespornt durch diese Ausstellung, begann ich, mich immer mehr für Computertechnik und Kommunikation zu interessieren.

Das war 1987. In diesem Jahr bekam meine Schule die ersten Kleincomputer vom Typ KC85/3 für den neu einzuführenden Informatikunterricht der 9. Klassen. Unser Physiklehrer besuchte Weiterbildungen, um sich für den Einsatz der Computer im Unterricht zu qualifizieren. Und da er auch die Arbeitsgemeinschaft "Elektrotechnik" leitete, an der ich mich seit der 6. Klasse euphorisch beteiligte, lag es sehr nahe, auch eine Computer-AG zu gründen.

Unser damaliger Paten-Betrieb stellte uns in einem Kellerraum ein Computerkabinett zur Verfügung. Dort begannen wir einmal in der Woche, die Möglichkeiten des KC85/3 zu erforschen. Wir programmierten ihn in BASIC, erstellten Programme, mit denen z.B. jüngere Schüler das kleine und große 1x1 erlernen und üben konnten. Wir spielten die Spiele "Lander", "Entenjagd" und "Digger". Und wir lernten, wie ein Computer funktioniert. Dabei half mir z.B. auch das Fernsehen der DDR mit der Sendung "Computerstunde". Dort präsentierten Gabriele und Reinhard Lehmann ab Mai 1987 DDR-Rechentechnik und versuchten eine erste Einführung in die Welt der Computer. Mit dem Buch "Kleincomputer leicht verständlich" brachte ich mir die theoretischen Grundlagen der Computertechnik selbst bei und der Kassettenkurs "BASIC - 1 x 1 des Programmierens" half mir beim richtigen Programmieren.

Mit den Geldgeschenken, die ich 1988 anläßlich meiner Jugendweihe erhielt, verwirklichte ich meinen allergrößten Wunsch: einen eigenen Computer. Für 1.400 Mark kaufte ich also im (berühmt-berüchtigten) Robotron-Laden in Erfurt den Kleincomputer KC87 (KC87.30 - ohne Farbmodul, 1.75 MHz, RAM: 16KByte). Kleine Story am Rande: Ich war damals gerade 14 Jahre alt und durfte noch nicht so viel Geld ohne Erlaubnis meiner Mutter ausgeben. Darum musste ich an diesem Tag 2 x nach Erfurt fahren, um meinen lang gehegten Wunsch endlich zu erfüllen - beim zweiten Mal mit einer von meiner Mutter unterschriebenen Erlaubnis, diesen Computer kaufen zu dürfen.

Von da an belegte ich unseren einzigen Fernseher regelmäßig mit dem Computer und programmierte fleißig drauf los. Programme gab es jede Woche kostenlos frei Haus: über das Radio. Der Jugendsender "Jugendradio DT64" strahlte jeden Sonnabend um 15:15 Uhr die Sendung "Computerklub" aus, in der die Daten der dort vorgestellten Programme in einer mehrminütigen Session via Radio verbreitet wurden. Dies war zwar kein Ohrenschmaus:
15 Sekunden Ausschnitt:
Programm für den KC87
- aber ein geniales Prinzip, quasi "DDR-FM-Internet". Und so lernte ich mit den dort ausgestrahlten Programmen richtig zu programmieren (und z.B. mit "Phoebus" auch einiges über die Saturn Monde). Im Robotron-Laden kaufte ich mir auch ab und an eine teure Kassette mit originalen Programmen von Robotron (R+Hanoi,R+Ziele,R+Halma).

In einem Spezialisten-Camp für junge Erfinder hatte ich im Sommer 88 meinen ersten Kontakt mit einem richtigen PC: Der Robotron PC1715 war für mich eine neue Welt. Sein Betriebssystem "SCP" war ein Clone des westlichen CP/M Betriebssystems. Wir spielten damals mit diesem Gerät permanent das Spiel "Sokoban".

Mit meinem KC87 programmierte ich nun immer mehr. Ich schrieb eigene Spiele und verbesserte bestehende Programme, wie das bekannte Spiel "Climber", tauschte mit computerbegeisterten Freunden Programme (u.a. mit unserem damaligen Schornsteinfeger). Mit einem sehr teuren RAM-Erweiterungsmodul (16KByte) konnte ich 1989 für genügend Hauptspeicher zum Programmieren sorgen.

Im Herbst 1990 begann meine Ausbildung zum Datenverarbeitungskaufmann im Bezirksrechenzentrum der Deutschen Bundespost in Erfurt. Dort standen zwei ESER Groß-Rechner (Einheitliches System Elektronischer Rechenanlagen), ein PC1715 und ein A5120. Auf dem PC1715 begann ich, mit Pascal zu programmieren. Die erste Anwendung war eine einfache Adressverwaltung, die die älteren Auszubildenden unseres Rechenzentrums als Hausaufgabe fertig zu stellen hatten. Ich half ihnen und erweiterte das Programm Schritt für Schritt.

Zu Hause verrichtete mittlerweile ein Commodore C64 mit zwei 1541-Floppy-Laufwerken seinen Dienst. Dessen Grafikfähigkeiten inspirierten mich, kleine Animationen mit Sprites zu erstellen, diese mit Musik zu hinterlegen und als Vorspann auf sämtliche Videokassetten unseres Haushalts zu spielen. Auch ein Amiga 500 wanderte für kurze Zeit in unser Wohnzimmer. 1992 erwarb ich einen EC1834 (16-Bit-Mikroprozessor K1810 WM 86 (8086) 4,912 MHz). Dieser lief unter dem Betriebssystem DCP (Disk Control Programm) - nichts anderes als ein MS-DOS Clone. Der EC1834 war mein erster eigener PC (PC-XT). Mit seiner 4-Farb CGA-Grafik war er für Spiele, wie "Prince of Persia" gut geeignet. Auf diesem Rechner begann ich, mit Borland Turbo Pascal 6 zu programmieren. Mit einem Buch neben dem PC fand ich schnell heraus, welche Leistungen in dieser Programmiersprache schlummerten.

Seit dem hatte ich fast jedes Jahr einen neuen, leistungsfähigen PC zu Hause stehen. Ich entwickelte Anwendersoftware und fand auch bald Gefallen an Online-Aktivitäten. Ich wurde Mitglied bei einigen Mailboxen und "surfte" mit meinem 14.400 kBit/s Modem durch die Telefonnetze. Aber schon bald holte auch mich das Internet ein: die erste eigene Homepage folgte und kurz darauf programmierte ich auch für andere Menschen schöne Webseiten. Auch heute liegt mein Focus auf der Entwicklung von Internet-Applikationen. Nur manchmal noch programmiere ich mit Turbo Pascal an meiner Shop-Software "MADshop". Der Erinnerung wegen... » Mehr lesen...
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Meine Links zum Thema
Manuskript zum SWR2-Beitrag "26.05.1987: Im DDR-Fernsehen läuft die erste Computerstunde"
Details zum KC87 bei Wikipedia