In den Osten
Mütterchen Russland zur Nachwende-Zeit
1990 hat es mich in die Hauptstadt Russlands verschlagen. Mit dem Flugzeug ging es von Berlin nach Moskau. Ziel unserer Reise war der goldene Ring um Moskau. Der Ring altrussischer Städte nordöstlich von Moskau zählt zu den bekanntesten Reisezielen Russlands.

Reise in die Sowjetunion Reise in die Sowjetunion 2 Reise in die Sowjetunion 3

Von Moskau aus starteten wir mit dem Bus des damaligen russischen Reiseunternehmens "Intourist" auf unsere Rundreise in Richtung Sergijew Possad. Zwiebeltürme, Zwiebeltürme, Zwiebeltürme: Das Dreifaltigkeits-Sergios-Kloster in der Stadt Sergijew Possad ist eines der wichtigsten religiösen Zentren Russlands und ein bedeutender Wallfahrtsort für orthodoxe Christen. Das Kloster wurde 1340 durch den Mönch Sergios von Radonesch gegründet und expandierte mit steigendem Wohlstand und Einfluss. Unser Trip fürhrt uns weiter entlang des goldenen Rings. Das nächste Ziel sollte Rostow Welikij sein. Diesen Ort sollte man nicht mit der Millionenstadt Rostow am Don verwechseln. Der idyllisch am Nerosee gelegene Ort gehört mit Susdal zu den kleinsten Städten des Goldenen Rings. Man will kaum glauben, dass in den teils etwas verfallenen Holzhäuschen, die sich um den Kreml schaaren, 35 000 Menschen leben. Im Inneren der Stadtfestung steht seit dem 17. Jahrhundert der berühmteste Glockenstuhl Russlands. Der französische Komponist Hector Berlioz reiste extra nach Rostow Welikij, um die Klänge der 15 Glocken zu hören.

Die Reise habe ich genossen. Sollte es doch die letzte gemeinsame Unternehmung der Schulzeit sein. Es war ein kleiner Abschied von liebgewonnenen Klassenkameraden und auch ein Abschied vom Schulleben. Die frischen Erlebnisse der Wendezeit Anfang 1990 prägten damals auch unsere Reise. Im Hotel in Jaroslawl genoss ich erstmal den Status als Ausländer und plünderte den dortigen "Intershop" mit meinen heimlich ins Land eingeführten DM-Beständen. Dort konnte ich auch endlich meine mäßigen Russischkenntnisse nutzen: im Hotel sprach kaum einer englisch oder deutsch.

Bis zu einem Kilometer breit ist die Wolga bei Jaroslawl. Die Stadt, die Anfang des 11. Jahrhunderts gegründet wurde und damit 100 Jahre älter als Moskau ist, kann mit einer großen Zahl faszinierender Kirchen und Klöster aufwarten, die mit teils einmaligen Fresken bemalt sind. Das Christi-Verklärungskloster im Zentrum von Jaroslawl war einst eines der reichsten Klöster Russlands.

Die nächste Station unserer Rundreise war das gerade 12 000 Einwohner zählende Susdal. Die Stadt war im 12. Jahrhundert für kurze Zeit Hauptstadt der Rus. Damals Mittelpunkt des Reiches ist die verträumte altrussische Kleinstadt seit 1967 Museumsreservat. Hier ist einfach alles sehenswert: Der Kreml, der Marktplatz, das Freilichtmuseum für Holzarchitektur, die Klöster und die traditionellen Holzhäuser der Susdaler. Um all diese Touristenattraktionen schlängelt sich idyllisch das Flüßchen Kamenka. Wohnblocks oder Fabriken gibt es in dem riesigen bewohnten Freilichtmuseum nicht.

Bevor unser Weg wieder gen Moskau führte, strandeten wir in Wladimir. Die alte Fürstenstadt war im Mittelalter eines der bedeutendsten Zentren Russlands, trat dann aber immer mehr in den Schatten des mächtiger werdenden Moskau. Von den einst mächtigen Befestigungsanlagen sind heute noch einige Erdwälle und das bekannte Goldene Tor aus dem 12. Jahrhundert erhalten. Auch viele Kirchen und Klöster aus der Blütezeit der Stadt am Kljasma-Fluss überstanden die anschließende Eroberung durch die Mongolen-Heere.

Moskau war dann doch der Hammer: Roter Platz, Lenin Mausoleum, Kreml und GUM-Kaufhaus. Die sehenswerten Orte aus unseren Schulbüchern gab es wirklich. Und dann passierte es: Mitten in der Stadt, auf dem Weg aus der Metro, kam mir ein altes russisches Männchen entgegen und sagte mir, dass er sehr froh wäre, einen Deutschen in Moskau zu treffen und er wollte sofort alle Neuigkeiten der deutschen Politik von mir erfahren, da er in den russischen Medien kaum Informationen zur Wende in der DDR bekommen würde. Er sprach gut deutsch, war als Soldat in der DDR stationiert und nun als Rentner immer auf der Suche nach Neuigkeiten aus diesem Land. Die merkwürdige Begegnung mit diesem alten Mann hat mich damals sehr beeindruckt.

Die Reise hat mich zum ersten Mal weit weg von zu Hause gebracht und mir zudem den allerersten Flug meines Lebens ermöglicht. Heute träume ich noch oft von den süßen Zwiebeltürmen der Klöster und den offenherzigen Menschen des Landes. Ob und wann mein Weg mich mal wieder in dieses Land führt, ist heute noch ungewiss.
Meine Reiseziele
Baltikum
Schweden
Russland
Malta
Kreta
Berlin
Amsterdam
Rotterdam
Borkum
Dresden
Hamburg
Schöne Ecken